Dienstag, 22. Mai 2007

Ein Abend in Rom

Der moderne Jetsetter, ob in Anzug oder in kleinem Schwarzen, geht eleganten, doch schnell gemessenen Schrittes den Flughafen entlang, das Handy als Handverlängerung stets am Ohr. So gelangt er von der chinesischen Metropole Shanghai direkt nach bella Italia, nach Rom.
Der Zeitreisende steigt in sein nach jahrelanger Tüftelei hergestelltes Gefährt, ob es nun ein Auto ist, das exakt bei der Geschwindigkeit von 88 mph vom Blitz getroffen werden muss oder eine H.G. Wells nachempfundene Maschine, und schon ist er im alten Rom.
Wer weder Jetsetter noch Mechaniker ist, zieht sich einfach ein Bettlaken über, vielleicht noch einen Lorbeerkranz und ein Schwert dazu und voilà, schon sind wir im alten Rom!

Letztes Wochenende hat meine WG eine Motto-Party geschmissen, um drei Geburtstage zu feiern! Ich erinnere mich noch gut an eine gewisse Bad-Taste-Party, bei der ich ein Kostüm anhatte wie die Nanny aus der Fernsehserie... Diesmal habe ich allerdings ein Laken in Blau gewählt (Weiss war nur im Mehrfachpack zu bekommen) und als Brosche ein Geschenk - wie nennt man das?- eine Geschenkbandkreation angeheftet. Allerdings sah ich dann tatsächlich aus wie ein schlecht verpacktes und etwas krude eingewickeltes Geschenk (ich hatte mit der Einkleidung ein wenig Schwierigkeiten). Die meisten haben sich allerdings richtig toll kostümiert, bis auf ein paar Spalter haben sich alle in Schale geschmissen:


Passend zur Deko das Poster mit Maoisten und China-Karte im Hintergrund. Ich bin diejenige hinten in Blau, der gerade das Bier eingeflösst wird.

Die meisten Leute kannte ich vorher noch nicht so gut, aber wozu gibt's denn Alkohol... Nein, ich habe mich jedenfalls mit ein paar Freunden meiner Mitbewohner gut unterhalten und sie etwas besser kennengelernt. Qiu Hoa und Ying Fangjuan sind auch kurz vorbeigekommen, und so habe ich einen schönen Abend in Italien verbracht. Dazu habe ich jedoch thematisch unpassendes Curry gekocht (Indien?), aber Thibault hat Nudelsalat gemacht, das gab's damals bestimmt auch!


Meine netten französischen Mitbewohner: François, Maxime und Thibault, der grad eine Vision von den Iden des März hat

(François sitzt in diesem Moment hier und hat mir eröffnet, dass er und Maxime jetzt zur Kirche gehen. Ich war ein wenig unsicher, ob das ein Scherz sein sollte, da ich es mir von diesen harten Partymachern nicht ganz vorstellen konnte. Doch wie heisst es so schön: Trinke und bete!)

Zurück zur Party: Es gibt nichts Besseres als einen Balkon in einer lauen Shanghaier Frühlingsnacht, ausserdem man kann lernen, wie man Zigaretten am Gasherd anzündet, Mika "Relax, take it easy" und "Wouldn't it be nice" von den Beach Boys laufen zusammen mit anderen Liedern mindestens 10mal in der Endlosschleife, obwohl die Jungs einen Wahnsinns-Musikvorrat haben, und kurzfristig schliessen sich Leute in der Küche ein (normalerweise ist es das Bad).
Nachdem ich dachte, mein Vorgänger hat was dagegen, dass ich jetzt in seinem Zimmer wohne, standen wir anschliessend vertraut nebeneinander in der Küche. Und hatten, wie es so üblich ist, eins von diesen tiefsinnigen Partygesprächen über Gott und die Welt, wo man sich mit mehr Alkohol gegenseitiger Sympathien versichert - und sich anschliessend noch mal ins Nachtleben stürzt!

Mit einer kleinen Gruppe von Auserwählten haben wir uns also auf eine abenteuerliche Taxifahrt auf der Suche nach einer geheimnisvollen Party-Location begeben: Pier One, ein Club direkt am Suzhou-Fluss. Auf dem Weg zum Eingang geht man auf Docks über das Wasser, und was für ein Ausblick: Von der Sessel-Lounge sieht man direkt auf den friedlich vor sich hintreibenden Fluss. Wir merken allerdings recht schnell, dass die Nacht sich schon dem Ende zuneigt: Ein paar Leute schlafen in den edlen weissen Sesseln, auf der Tanzfläche ist Platz, und man bekommt sofort Getränke! Aber solange die Musik noch geht, geht immer was! Also rauf aufs Parkett!

Zu später Stunde will ich noch grosse Gespräche führen und entfalte gegenüber Dominik die Art von Philosophien, wie sie nur extrem angetrunkenen Menschen zueigen ist: "Ja, und dann musst du einfach, weil, geht ja auch nicht anders, man sollte sowieso nicht immer, das machen ja eh zuviele, und früher ist mir das auch immer passiert, aber das muss man mit der Zeit hinter sich lassen, und im Grunde ist das alles auch gar nicht so wichtig, man denkt das immer, aber ist gar nicht so..."

Dann geschieht das Unfassbare: Musik aus, Licht an! Wir sind tatsächlich die Letzten. Also wird das philosophische Gespräch, das sich mit den platonischen Dialogen durchaus messen könnte (zumindest, was die Länge betrifft) zum Glück unterbrochen und der Heimweg per Taxi beschlossen.


Zwei Nachtschwärmer auf dem Weg ins Ungewisse

Am Samstag kam ich mir gar nicht so betrunken vor (gut, bis auf das Philosphieren vielleicht), aber die Frage zum Sonntag: Was ist dieser glühende rote Ball, der leichte bis mittlere Schmerzwellen inmitten meines Universums aussendet? Es war leider mein Kopf.

Dass meine Mitbewohner "Wind of Change" von den Scorpions im Wohnzimmer aufdrehen, führt mehr zu Halluzinationen als zur Besserung meines Zustandes. Und man kennt das ja, wenn man aufsteht und einen Anblick auf das übel aussehende Partyzimmer mit Alkoholresten und Zigarettenrauch wirft, wird einem gleich wieder ein bisschen blümerant. Als ich schliesslich mit dem Vorsatz aufstehe, ein wenig aufzuräumen, hat die Putzfrau den Grossteil schon erledigt.

So peinlich es mir auch ist: Wir haben tatsächlich eine Putzfrau hier. Wenn sie nicht schon da gewesen wäre, ich hätte keine engagieren wollen. Wie meine Freundin Svenja sagt: Eine steile Karriere, erst noch arbeitslos in Köln, jetzt schon eine Putzfrau! Ich fühle mich etwas unwohl und finde das ein wenig bonzig, aber für sie ist es vielleicht einfach ein Job. Und ich muss leider zugeben, dass sie einem nach einer Party wie ein Geschenk des Himmels erscheint.

Mein Chef fragt mich am Montag: "Und, was hast du am Wochenende gesehen?" -"Shanghai bei Nacht!" - "Was, du hattest tagsüber frei und hast nur die Nacht gesehen?" Aber nein, ich habe auch etwas Kultur gemacht, ich war bei einer Austellungseröffnung in Ying Fangjuans Galerie! Aber doch, diese Woche habe ich mein Wissen über Shanghaier Nächte etwas erweitert -demnächst alles hier zu lesen, stay tuned!

Sonntag, 20. Mai 2007

Die Schönheit chinesischer Gärten

Zurück zur Natur! In diesem Fall nicht zur unberührten, sondern zur gestalteten - dem Yu-Garten! Hierbei handelt es sich nicht um einen öffentlichen Park, sondern um einen historischen, nach allen Regeln der Kunst angelegten Privat-Garten. Nachdem ich beim letzten Mal zu spät dran war, soll mein Traum von der Idylle wahr werden. Ich verneine wieder sämtliche "Watch your Bags"-Angebote in der Altstadt und betrete den Stolz Shanghais, den 1559 angelegten Yuyuan.

Hier ist man in einer anderen Welt: Je weiter man in den Garten vordringt, desto ruhiger und gelassener wird man. Anfangs schwirren noch die Worte der Fremdenführer an mein Ohr: Eine junge Chinesin erklärt den geneigten Zuhörern das Prinzip der chinesischen Gartenarchitektur. Die beiden wichtigsten Elemente seien Stein und Wasser, die sich ergänzen sollen wie Yin und Yang. Darum findet man in chinesischen Gärten immer Felsenanlagen und Steinbrücken, sowie viele Teiche.


Zwei andere wichtige Elemente sind Holz und Pflanzen; Blumen gehören hingegen nicht zum Konzept der chinesischen Gartenanlage. Hier und da würden jedoch ein paar für die Touristen gepflanzt, zum Fotografieren.

Tatsächlich sehe ich recht wenige Blumen in dem Garten. In einer deutschen Anlage hätte ich bestimmt nach ein paar Schritten ein vollgestopftes Blumenbeet entdeckt. Wir legen bei unseren Gärten Wert auf Vielfalt und Farben, um uns daran zu erfreuen; die Chinesen konzentrieren sich auf die Komposition weniger Elemente. Wenn man an den Bildaufbau von westlichen Kunstwerken und chinesischen Tuschezeichnungen denkt, fällt einem auch dort die Üppigkeit gegenüber minimalistischer, konzentrierter Darstellungsweise auf.

Der Garten in China soll den Menschen zur Ruhe bringen und zum Wesentlichen zurückführen: Blumen würden das Konzept der Gleichmässigkeit vielleicht stören, weil sie zu sehr auffallen und den Betrachter vom Gesamtbild ablenken, ihn wieder mit Reizen überfluten.

Ein anderes interessantes Konzept sind die bekannten Holzverschläge für die Fenster, hölzerne, durchsichtige Paravents und in die Mauer eingefügte Holzschnitzereien. In Deutschland fänden wir derartiges Lückenwerk nicht grad effektiv: Da kann man ja durchgucken! In China soll dies aber zum Gesamtbild der Entspannung und des Gleitens beitragen: Ein Fenster mit flächigem Holzverschlag ist versperrt und wirft den Blick zurück, eine dichte Mauer und ein undurchsichtiger Paravent wirken massiv. Das Holz soll den Blick nicht ganz durchlassen, um ein bisschen den Eindruck von Privatsphäre und Geborgenheit zu vermitteln, aber auch nicht blockieren, um das Umherschweifen des Blickes nicht zu stören.

Der Garten im Garten: Kunstvolle Schnitzerei im Glasfenster in der Mauer

Dieser Vorgabe entsprechend sind nur die Aussenwände wirklich fest und ohne Fenster, um den Garten von der Aussenwelt abzugrenzen. Die Schnitzereien und Statuen bilden anstelle von Blumen den Schmuck: Drachenköpfe an den Mauergrenzen der verschiedenen Bereiche und die bekannten kleinen Löwen vor jedem Tor.











Diese Wachhunde in spe deuten auf die Macht des Bewohners hin. Je mehr Locken der Löwe vor dem Tor hat, desto mächtiger und wichtiger ist der Besitzer. Es gibt immer zwei, einen weiblichen und einen männlichen Löwen. Die Löwin hat ein Kind unter der Pfote, der Löwe hingegen immer einen Ball (ein Symbol für die Welt in der Hand oder den Spieltrieb?).

Wie die Sphingen aus der Unendlichen Geschichte: Löwen vor dem Tor zum ersten Gartenteil

In den hölzernen Pavillons verbirgt sich Unterschiedliches: Stätten mit historischen Requisiten, ein Antiquitätengeschäft, eine Kalligraphie-Austellung... und in einer luftigen Gartenlaube hat eine chinesische Familie Bier und Häppchen zum Picknick ausgebreitet. Selbst das Theater mit dem Glockenspiel, im Gegensatz zum Garten Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus - sollte an einem Ort wie diesem Lampenfieber und frenetischer Beifall möglich sein? Es hat die Atmosphäre des Gartens aufgesogen - so wie alle seine Besucher.

Anfangs stürmen die Touristen aufgeregt den Eingangsbereich, erobern mit schnellen Schritten das erste Terrain und fuchteln wild mit der Kamera. Dann werden auch sie von der Ausstrahlung des Gartens eingefangen: Die Körperhaltung wird entspannter, der Gang gleichmässiger, man setzt sich auf eine Bank unter den schattigen Bäumen oder in einen der kleinen Pavillons und macht mal hier, mal da ein Foto, wie es grad so kommt. Die Welt dreht sich ein wenig langsamer, man spürt den eigenen Atem wieder.Auch von mir fällt alles ab. Ich bin selten eins mit meiner Umgebung, immer sind es die Umgebung - und ich; zwei voneinander getrennte Elemente. Doch hier, wo alle Elemente sich ergänzen und zu einer Einheit werden, füge auch ich mich hinein. Denn so sorgfältig der chinesische Garten für sich, in sich allein geplant ist, so ist er keine Perfektion, die unberührbar bleiben soll. Diesen Garten kann man nicht einfach bloss anschauen, denn er nimmt seine Besucher auf. So vergesse ich für ein paar Stunden die laute, quirlige Welt auf der anderen Seite der Mauer und werde Teil eines chinesischen Gartens.


Donnerstag, 17. Mai 2007

Siehst du was, was ich nicht sehe?

Jetzt könnt Ihr wirklich alles sehen - ein kleiner Blick zurück in den April lohnt sich! Denn ich habe jetzt alle Kapitel mit Fotos aufgefrischt, damit Ihr mich auf meiner Reise besser begleiten könnt!

Das Huxinting-Teehaus bei Nacht

Dienstag, 15. Mai 2007

Die Götter sind bestechlich

Nun kommen wir zur Gretchenfrage: Wie hast du's mit der Religion?
Offiziell sind die Chinesen nämlich Atheisten (siehe Kommunismus, Religion ist Opium fürs Volk). Aber wie mein Insider-Reiseführer mir verrät, ist die Religionsausübung seit den 80ern wieder erlaubt: Buddhismus, Lamaismus (Dalai, na sicher, Tibet ist ja quasi um die Ecke), Daoismus, Islam und die Volksreligion. Die Volksreligion soll eine bunte Mischung aus Buddhismus, Daoismus und Regionalglaube sein. Was begegnet also dem U-Boot-Christen (taucht einmal im Jahr auf - zu Weihnachten) bzw. mit der christlichen Kultur vertrauten Atheisten, wenn er einen Tempel aufsucht?


Im Inneren des Jing'an Tempels

Bei uns zuhaus inne Dorfkirche is' ja alles einigermassen klar, sowohl Aufbau, Architektur als auch Ablauf. Übersichtliche Huldigung, ein Gott in Dreieinigkeit, und zum Jesusabbild gesellt sich höchstens noch die Mutter Maria hinzu. Ein ordentliches Kirchenschiff in Kreuzform mit Weihbecken, Kirchenbänken und Altar, schöne Glasfenster in verschiedensten Farbkompositionen und je nach Geldbeutel diverse religiöse Bilder und Statuen unserer Religion. Dann mal rein in die gute Stube, Gebet- und Gesangsbuch zücken, abwechselnd Solo-Show (Predigt) und Gesamtkunstwerk (Singen, Kunstwerk hängt von musikalischer Begabung der Gemeinde ab), zwischendurch Kollekte und Abendmahl, dann noch ein Segen und ab nach Hause.

Beim chinesischen Tempel wird die Kollekte gleich an der Pforte kassiert - beim Jing'an-Tempel werfe ich meinen Obolus in eine Art Briefschlitz, beim Stadtgott-Tempel bekomme ich tatsächlich eine Eintrittskarte für umgerechnet einen Euro bekommen. Für die Götter, die Erhaltung des Tempels, oder das Feierabendbier der Mönche?

Im Tempel eingetreten, finde ich mich unter freiem Himmel wieder, mit mehreren Hallen rechts, links und geradeaus. In dem freien Bereich kann man Räucherstäbchen erstehen (ähnlich wie bei uns die Kerzen) und anzünden. Die Chinesen nehmen meist ein Riesenbündel der Stäbchen, das sie in dem kleinen Feuergefäss anzünden. Sie sprechen ein Gebet und verbeugen sich dabei abwechselnd in alle vier Himmelsrichtungen, das Bündel fest in beiden Händen. Dann lassen sie es in einer Art Steinwagen auslodern. - Wenn der Tempel klein und voll ist, wie beim Stadtgott, muss man fast schon seine eigene Zeremonie abwarten, wenn man nicht mit dem Hintern an andere stossen oder seinem Betgenossen das Haar entflammen will.


Statt Weihbecken: Sandgefäss und Steinwagen für die Räucherstäbchen.

Doch es ist keine gemeinschaftliche Zeremonie, auch das Gebet in den Götterhallen findet immer nebeneinander und nicht miteinander statt. Oft findet man in einer Halle mehrere Götter, allen voran natürlich Buddha, den ich im Jing'an Tempel sogar in mehreren Versionen entdecke: den lachenden, gemütlichen, dicken Buddha, dann ein eleganter mit Schwert und in Rüstung, dann in Yoga-Position - mit Hakenkreuz auf dem Herz! Unterschiedlicher können zwei Kulturen ein Zeichen nicht begreifen: Für die Chinesen bedeutet dieses jahrtausendealte Zeichen ewige Dauer, ewige Erneuerung und Glückseligkeit; mir stockt natürlich erstmal der Atem. Es ist schwierig, dies mit den Augen der Anderen zu sehen.

Neben den Buddha-Statuen sind noch einige andere Götter vertreten, die ich nicht kenne - nur im Stadtgott-Tempel in der letzten Halle weiss ich, dass dies der Gott des Reichtums und seine Frau sein sollen, die in einem Meer von Farben verschwinden. Denn die Gabentische der wichtigen Götter werden mit Blumen und Früchte, sogar baozi (die kleinen Brötchen) als Opfer bestückt.


Auch ein Buddha möchte mal naschen...

Vor all diesen Göttern befinden sich höhergelegte rote Kissen, auf denen die Gläubigen niederknien und sich oft mehrfach verbeugen. Direkt zwischen Kissen und Gott befindet sich als Verbindungsstück ein roter Kasten mit Schlitz oben: für Geld. Für mich als Aussenstehende sieht das ein wenig nach Bestechung aus - laut meinem Insider betrachten die Chinesen einen Gott tatsächlich als Vertragspartner, und unzuverlässige Götter können angeblich degradiert oder sogar abgesetzt werden.

Aber vielleicht ist es vielmehr ein Opfer und Geschenk, um dem Gott Respekt zu erweisen und ihn milde zu stimmen. Denn im Stadtgott-Tempel findet man neben den roten Kästen einen anderen mit kleinen gelben Briefchen - die Antwort auf das Gebet, ein trostbringender Wegweiser und guter Wunsch.

Montag, 7. Mai 2007

Die Idee von der Idylle

Shanghai im Sonnenuntergang: Schiff mit Drachenkopf-Galeonsfiguren vor dem Oriental Pearl Tower am Huangpu

Mein Chef hat mich mal gefragt, was ich mir im Vorfeld von Shanghai und China erwartet habe. Die Frage kam sehr plötzlich, ich war überrascht und mir fiel keine gescheite Antwort ein: Naja, ich hätte vieles nur vom Hörensagen gewusst, so ein paar Klischees und so, und dass ich halt versuchen würde, mir meist gar nichts vorzustellen, meinen Kopf frei und leer zu machen, um alles einfach aufzunehmen. Eine Idee hat sich allerdings in meinem Kopf festgesetzt.

Seitdem ich hier bin, wollte ich in den Yu-Garten gehen, DIE Sehenswürdigkeit Shanghais mit der schönen Parkanlage, dem Huxinting-Teehaus und den malerischen Gassen im alten Stil. Mein Reiseführer empfiehlt, entweder früh am Morgen oder am Spätnachmittag dort aufzutauchen, um den grossen Touristenmassen zu entgehen. Also gehe ich um halb vier aus dem Haus, nehme die U-Bahn und will den Rest des Weges zu Fuss bestreiten. Die ewig lange Strasse ist allerdings total bebaut, und als ich endlich ein Strassenschild entdecke, stelle ich fest, dass ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen bin. (Passiert mir irgendwie öfters. Vielleicht sollte ich auch von vornherein nicht die Richtung wählen, die ich eigentlich nehmen will, sondern die andere!)

ch überwinde meine Hemmungen wegen der Sprachbarriere, klopfe zaghaft an eine Taxitür und bin kurze Zeit und schlappe 12 Yuan (1,20 Euro) später an der Schwelle zum Yu-Garten. Spätnachmittag, was für ein Geheimtipp: Die grossen Massen schieben sich immer noch durch die Gegend. Erst denke ich, ja gut, wenn hier viele Touristen sind, dann falle ich wenigstens mal nicht so auf. Denn ich wünsche mir oft, dass ich mich unters Volk mischen könnte, doch aufgrund meines Aussehens bin ich immer sofort als Ausländerin enttarnt. Aber hier bin ich Gleiche unter Gleichen - eine blöde Touristin! Alle drei Schritte erschrecken mich Leute: "Hello! Hello, Lady! Watch your bags!"

Ist das eine Warnung vor Taschendieben? Oder eine dreiste Ankündigung des Diebstahls? Besorgt taste ich nach meinem Rucksack und bewege mich schneller. Irgendwann begreife ich, dass sie mir IHRE Taschen zeigen wollen (gefälschte Louis-Vuitton-Accessoires).

Hello! Hello Lady! Watch your China!

Die Quelle der Ruhe, die Oase in dem touristischen Treiben, der Yu-Garten - kostet 4 Euro Eintritt und der Ticket-Schalter ist schon geschlossen. Spätnachmittag. Prima Tipp. Bleibt mir noch das legendäre Teehaus: Der Weg dorthin führt über eine Zickzack-Brücke. Das soll vor bösen Geistern schützen, der Legende nach können diese nämlich nur geradeaus gehen.

Im Teehaus selbst ist es tatsächlich schön und ruhig, ich entspanne mich etwas. Natürlich wird mir zuerst die Teekanne für zehn Euro angepriesen, aber ich schlage die Karte hartnäckig weiter hinten auf und wähle einen dieser schönen Tees, in denen sich die Blüte langsam öffnet. Dazu werden Dim Sum (kleine Häppchen) serviert.


Doch draussen zurück soll sich die "Hello Lady" immer noch irgendwelche Taschen und auch Galerien (?) ansehen. Und in den malerischen Kulissen lauern auch Starbucks und McDonalds. Etwas enttäuscht von dieser Disneyland-Version made in China, will ich trotzdem noch einmal am frühen Morgen herkommen, um den Garten und den Stadtgott-Tempel zu sehen. Vielleicht habe ich zuviel erwartet, aber so schnell lasse ich mir die Idee von der Idylle nicht nehmen. Für heute erhoffe ich mir nicht mehr viel, doch dann belohnt mich der Abend doch noch: Der Spaziergang am sogenannten Bund, der Promenade entlang des Huangpu-Flusses, bietet eine Wahnsinns-Skyline und ein gemächliches Flaniertempo. Plötzlich werde ich von einem jungen Chinesen mit Kamera etwas zögerlich angesprochen: Ich nehme an, er will, dass ich ein Foto von ihm und seiner Mutter mache, aber nein, er will eins mit mir. In China sind Leute aus dem Westen oft selbst eine Attraktion, und je weiter man von der Grossstadt entfernt ist und je seltener jemand aus dem Ausland dorthin findet, desto mehr... Ich fühle mich für einen kurzen Moment nicht mehr wie ein blöder Tourist, sondern wie etwas Besonderes, und posiere stolz für das gemeinsame Foto. Und geniesse zum Abschluss den tollen Ausblick und die abendliche Stimmung auf dem Rückweg.

All that Jazz!

Vielleicht mag ich Shanghai in den frühen Abendstunden am liebsten, wenn die Sonne selbst die grauesten Hochhäuser in ein sanftes rotes Licht taucht und die glitzernden Leuchtschriften, blinkenden Lampen und Scheinwerfer die Nacht in ein buntes Lichtermeer verwandeln.

Zu der Zeit habe ich gestern Christian getroffen, der zusammen mit mir in Köln studiert hat und grad in Shanghai sein Auslandsjahr macht. Zuerst gehen wir untypischerweise in eine japanische Restaurantkette, Ajisen Ramen, hier sehr beliebt und sehr gutes Essen. Hierbei lerne ich auch gleich die Königsdisziplin für Essstäbchen kennen: glitschige Chicken Wings! Ich fingere ungeschickt damit herum, was mein Gegenüber aber nicht weiter beeindruckt: "Solange nichts in meine Richtung fliegt..." Ich hingegen stehe staunend daneben, wenn er auf Chinesisch Tisch und Essen bestellt und mit dem Taxifahrer Witze reisst.

Nach der Kamikaze-Aktion 'Autos hautnah: Bei vollstem Stadtverkehr über Zebrastreifen gehen' treffen wir Christians Freunde, um Spiderman 3 (auf Englisch) zu sehen und werden Zeugen eines Vorher / Nachher-Effektes: Vor dem Kino sehen wir ein glückliches Brautpaar, nach dem Kino treffen wir es *leicht angetrunken* im Fahrstuhl wieder. Da man in China Leute ungeniert anstarren und alles kommentieren darf, kommt ein paar aus der Gruppe gleich ins Gespräch mit ihnen und wünschen den frisch Vermählten alles Gute - sowie einen sicheren Heimweg. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass die Braut nach westlichem Vorbild zu Beginn der Hochzeit weiss trägt, obwohl in China weiss als Farbe der Trauer gilt. Später, zur Feier, wechselt die Braut zu einem roten Kleid.

Rot sind auch die Insignien über der nächsten Schwelle: Willkommen im Jz Club zu Live Jazz und einem Halbliter frisch Gezapften! Tatsächlich erwartet uns hier ausgezeichneter Jazz, mit Bass, Piano, Drums und erstklassigem Gesang. Das Lied "The way you look tonight" wird wirklich und wahrhaftig einem weiteren anwesenden Brautpaar gewidmet.


Ah, Halbliterbier! Man beachte die strahlenden Gesichter im Vordergrund!

Zwischendurch wechselt sogar die musikalische Besetzung: Ein paar amerikanische Gäste werden auf die Bühne eingeladen samt Saxophon. Ein Stück bestreiten sie gemeinsam mit dem chinesischen Sänger - ohne gemeinsame Probe, nur eine kurze Absprache, und der Raum wird wieder von bittersüssem Jazz erfüllt. So träumt man im dämmrig-roten Zwielicht vor sich hin, wenn das kein Jazz ist, Shanghai bei Nacht, was dann?


It's just the way you play tonight!

Restaurant-Knigge

Neulich war ich zum ersten Mal in einem feinen chinesischen Restaurant, zusammen mit meinem Arbeitskollegen Qiu Hoa und dessen Freundin Ying Fangjuan. Ein schöner Abend mit witziger Konversation im Dreieck-Schema: Denn ich kann kein Chinesisch, Hoa kein Deutsch und Fangjuan kein Englisch. So fliegen verschiedene Wörter von Ecke zu Ecke: Chinesisch (Hoa und Fanjuan), Deutsch (Fangjuan und ich), Englisch (Hoa und ich).
Aber die verschiedenen Landessprachen sind noch gar nichts gegen die Möglichkeiten und Missverständnisse der Körpersprache: Chinesische Benimmregeln sind mir nur zum Teil bekannt, darum hoffe ich sehr, mich beim ersten feinen Abendessen nicht zu blamieren!

Da die Chinesen im persönlichen Umgang eher höflich und zurückhaltend sind, lassen sie sich bei einem Faux-pas vermutlich nichts anmerken... also mit Argusaugen beobachten und genauso machen!

Ein paar Dinge weiss ich schon vom Hörensagen: So wird z.B. die Rechnung bei einem edlen Menu selten gesplittet, meistens lädt einer alle ein. Das kann zwar auch bei uns vorkommen, doch die anderen Vorgehensweisen sind von unserem Verständnis zu unterscheiden:
Während es in Deutschland als unhöflich gilt, seinen Teller nicht leer zu essen (dann denkt man, das Essen hat wohl nicht geschmeckt), darf man in China nicht alles aufessen, vor allem die Teller in der Mitte dürfen nicht leer gegessen werden (damit würde man dem Gastgeber signalisieren, er habe zu wenig bestellt). Allerdings wird dermassen aufgetischt, da muss selbst die kleine Raupe Nimmersatt die Waffen strecken.
















Qiu Hoa, Ying Fangjuan, Carla und ein Tisch voll chinesischer Köstlichkeiten: Bei einem grossen Essen werden die einzelnen Speisen in die Mitte des Tisches platziert, und die hungrigen Teilnehmer dürfen sich alles nehmen, was das Herz begehrt!

Im Gegensatz zur Einladung im Restaurant darf man das selbst bestellte Mittagessen in der Garküche komplett wegputzen. Ebenso sind Reis und Nudeln beim Mittagsmahl in Ordnung, und wir würden das im chinesischen Restaurant in Deutschland ohne Hintergedanken mitbestellen. Hier in China werden Reis und Nudeln im edlen Lokal jedoch nicht geordert, das gilt zu eindeutig als Sattmacher und daher Arme-Leute-Essen!
Ausserdem empfinden die Chinesen Schneuzen beim Essen als Unsitte (vollgerotzte Taschentücher sind generell ungern gesehen, während Nase hochziehen und spucken ok ist). Und der Gast sollte auch von allem zumindest einen Bissen probieren - sonst wäre es unhöflich. Ich entdecke Entenfüsse und Qualle auf der Speisekarte und bereite mich schon mal darauf vor, aber nichts dergleichen, scheinbar bevorzugen auch meine Tischnachbarn andere Speisen...
obwohl ich mittlerweile fast neugierig bin, irgendwas muss doch dran sein, wenn's selbst im feinen Etablissement serviert wird. Jedenfalls scheine ich die gröbsten Klippen aber umschifft zu haben, denn beide wollen erneut mit mir essen gehen.